Anna-Lena Thömmes: Postdoc in Toulouse und der Weg zur Professur in der Chemie

Der Weg zur Professur in der Chemie ist lang, kompetitiv und erfordert weit mehr als fachliche Exzellenz allein. Internationale Erfahrung, ein belastbares Netzwerk, eigenständige Forschungsleistungen und das Engagement in der wissenschaftlichen Gemeinschaft – all das zählt, wenn Berufungskommissionen über Kandidatinnen und Kandidaten urteilen. Anna-Lena Thömmes geht diesen Weg mit bemerkenswerter Konsequenz: Nach einer mit „summa cum laude“ abgeschlossenen Promotion an der Universität des Saarlandes forscht sie heute als Postdoktorandin in Toulouse, erweitert ihr Kompetenzprofil und legt damit systematisch den Grundstein für eine eigenständige akademische Karriere in der anorganischen Chemie.

Der Postdoc als entscheidende Karrierephase

In der akademischen Chemie gilt die Postdoc-Phase als eine der wichtigsten und zugleich anspruchsvollsten Stationen auf dem Weg zur Professur. Es ist die Zeit, in der sich entscheidet, ob jemand über das eigene Promotionsthema hinauswächst, neue Methoden und Fragestellungen erschließt und beginnt, ein eigenständiges wissenschaftliches Profil zu entwickeln – eines, das sich von dem der Doktormutter oder des Doktorvaters klar abgrenzt. Gleichzeitig ist diese Phase oft von Unsicherheit geprägt: befristete Verträge, hoher Publikationsdruck und die Frage, wann und wo der nächste Karriereschritt möglich sein wird.

Wer diese Phase klug nutzt, wählt ein Umfeld, das fachlich anschlussfähig ist, aber gleichzeitig neue Impulse setzt. Idealerweise erfolgt der Wechsel ins Ausland – nicht nur wegen des wissenschaftlichen Austauschs, sondern auch wegen der persönlichen Reifung, die mit dem Aufbau eines neuen Netzwerks in einem fremden Wissenschaftssystem einhergeht. Genau diese Entscheidung hat Anna-Lena Thömmes getroffen, als sie im September 2025 an die Universität Toulouse wechselte.

Warum ist ein Auslandspostdoc für eine Karriere in der Wissenschaft so wichtig?

Ein Auslandspostdoc gilt in vielen Fachbereichen der Chemie als nahezu unverzichtbare Station auf dem Weg zur Professur. Er signalisiert Berufungskommissionen, dass eine Kandidatin in der Lage ist, in einem neuen wissenschaftlichen Umfeld eigenständig zu arbeiten und sich international zu behaupten. Darüber hinaus eröffnet er Zugang zu neuen Methoden, Kooperationspartnern und Forschungsinfrastrukturen, die an der Heimatinstitution nicht verfügbar wären. Für die Forschung in der anorganischen Chemie gilt das in besonderem Maße, da das Feld international stark vernetzt ist und Berufungsverfahren zunehmend auf eine breite internationale Sichtbarkeit achten.

Forschung in Toulouse: Goldchemie und neue Perspektiven

Seit September 2025 ist Anna-Lena Thömmes am Laboratoire Hétérochimie Fondamentale et Appliquée der Universität Toulouse tätig – einer der renommiertesten Adressen für Forschung an Hauptgruppenverbindungen und Übergangsmetallkomplexen in Frankreich. Ihre Arbeit dort findet in der Gruppe von Prof. Didier Bourissou statt, der international für seine Beiträge zur Koordinationschemie und zur Chemie ungewöhnlicher Metall-Ligand-Bindungen bekannt ist.

Das konkrete Forschungsprojekt, an dem sie arbeitet, wird im Rahmen eines ERC-Projekts gefördert und befasst sich mit der Entwicklung mononuklearer Goldkomplexe mit ungewöhnlichen Oxidationszuständen. Gold ist in der klassischen Koordinationschemie vor allem in den Oxidationszuständen +1 und +3 bekannt – Verbindungen, die davon abweichen, sind synthetisch außerordentlich anspruchsvoll und werfen grundlegende Fragen zur Bindungstheorie und zur Reaktivität auf. Dass sie, nach einer Promotion im Bereich niedervalenter Germaniumverbindungen, nun mit einem verwandten konzeptionellen Ansatz in einem ganz anderen Teilgebiet arbeitet, zeigt die innere Logik ihrer Karriereplanung.

Die Wahl von Toulouse ist dabei kein Zufall. Die Stadt ist ein bedeutendes Zentrum der französischen Wissenschaftslandschaft, beherbergt mehrere Universitäten und Forschungseinrichtungen und bietet exzellente Bedingungen für grundlagenorientierte Forschung. Gleichzeitig ermöglicht der Aufenthalt in Frankreich, Französischkenntnisse auszubauen – ein nicht unwichtiger Aspekt für eine Wissenschaftlerin, die in einem zunehmend europäisch vernetzten Hochschulsystem Fuß fassen möchte.

Verbindungslinien zwischen Germanium- und Goldchemie

Auf den ersten Blick mögen Germanium-Doppelbindungen und mononukleare Goldkomplexe wenig gemeinsam haben. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch eine klare konzeptionelle Verbindung: In beiden Fällen geht es um die Stabilisierung von Metallzentren in ungewöhnlichen elektronischen Zuständen – sei es durch Carben-Liganden, durch sterisch anspruchsvolle Substituenten oder durch kooperative Effekte im Molekül. Die Erfahrung mit niedervalenten Germaniumzentren und ihrer Stabilisierung durch NHC- und CAAC-Liganden ist daher direkt anschlussfähig an die Fragestellungen, die in Toulouse im Mittelpunkt stehen.

Grundlagen einer akademischen Laufbahn in der Chemie

Der Weg zu einer Professur in der Chemie ist in Deutschland wie in den meisten europäischen Ländern durch eine Reihe formaler und informeller Anforderungen geprägt. Formal zählen dazu eine herausragende Promotion, eine eigenständige Postdoc-Phase mit Drittmittelerfahrung und eine substanzielle Publikationsliste in anerkannten Fachzeitschriften. Informell – aber nicht weniger wichtig – sind Faktoren wie die Bekanntheit in der Fachgemeinschaft, das persönliche Netzwerk, Erfahrung in der Lehre und die Fähigkeit, eine eigene Forschungsgruppe zu konzipieren und zu führen.

Anna-Lena Thömmes hat in all diesen Bereichen bereits beachtliche Grundlagen gelegt. Ihre Publikationsliste umfasst Artikel in Nature Chemistry, der Angewandte Chemie International Edition, Chemistry – A European Journal und Inorganic Chemistry Frontiers – eine Kombination, die sowohl fachliche Tiefe als auch Breite signalisiert. Hinzu kommen mehrere internationale Posterpreise und die Förderung durch das renommierte Kekulé-Stipendium des Fonds der Chemischen Industrie.

Die wichtigsten Bausteine ihrer bisherigen Laufbahn im Überblick:

  • Masterabschluss als Jahrgangsbeste an der Universität des Saarlandes, Note 1,2
  • Promotion summa cum laude bei Prof. David Scheschkewitz, Saarbrücken
  • Kekulé-Stipendium des Fonds der Chemischen Industrie (2021–2023)
  • Publikationen in Nature Chemistry, Angewandte Chemie und weiteren Fachzeitschriften
  • Mehrfache internationale Posterauszeichnungen
  • Postdoktorat an der Universität Toulouse im Rahmen eines ERC-Projekts
  • Vorsitz der JuWöV seit Januar 2026

Lehre, Kommunikation und Sichtbarkeit

Neben der eigentlichen Forschung gehören Lehr- und Kommunikationserfahrungen zunehmend zu den Erwartungen, die Berufungskommissionen stellen. Auch hier hat Anna-Lena Thömmes frühzeitig Akzente gesetzt. Die Organisation der „ChemScienceNight“ in Saarbrücken – einem Diskussionsforum für Studierende an der Schnittstelle von Forschung und Öffentlichkeit – zeigt, dass sie Wissenschaftskommunikation nicht als lästige Pflicht, sondern als integralen Bestandteil akademischer Arbeit versteht.

Ihr Engagement in der Nachwuchsorganisation JuWöV, deren Vorsitz sie seit Januar 2026 innehat, bringt zudem Erfahrungen in der Leitung und Organisation mit sich, die für eine spätere Professur unmittelbar relevant sind. Wer eine Forschungsgruppe führen möchte, muss Menschen motivieren, Ressourcen koordinieren und strategische Entscheidungen treffen können – Fähigkeiten, die sich nicht allein im Labor erwerben lassen.

Ausblick: Eigenständige Forschung und Gruppenleitung

Das erklärte Ziel ist die Übernahme einer Professur in der anorganischen Chemie. Dieser Weg erfordert in den kommenden Jahren vor allem eines: den Aufbau eines eigenständigen, klar konturierten Forschungsprofils, das sich von den Themen der Doktorarbeit weiterentwickelt und zugleich an bisherige Stärken anknüpft. Die Kombination aus Germanium-Chemie, Carben-Stabilisierung, Polymerchemie und der aktuellen Arbeit an Goldkomplexen in ungewöhnlichen Oxidationszuständen deutet auf ein Profil hin, das sich um die Frage ungewöhnlicher Bindungssituationen und ihre Nutzung für Synthese und Materialentwicklung zentrieren könnte.

Mit der aktuellen Arbeit in Toulouse, dem wachsenden internationalen Netzwerk und dem organisatorischen Erfahrungsschatz aus Jahren des Engagements in der Chemikergemeinschaft bringt Anna-Lena Thömmes dafür gute Voraussetzungen mit. Eine Wissenschaftlerin, die sowohl im Labor als auch in der Gemeinschaft Verantwortung übernimmt und dabei stets den Blick auf das große Ganze behält – das ist das Bild, das sie in den vergangenen Jahren konsequent aufgebaut hat und das sie auf dem Weg zur Professur begleiten wird.

No posts found.